Einbahnstraßen-Gespräche: Verlernen wir das Interesse an unserem Gegenüber?
15. Oktober 2026
Vor ein paar Tagen hat mich jemand im Gespräch gefragt: „Welches Thema beschäftigt dich gerade?“ – und ich war total perplex. Ich wusste gar nicht so richtig, was ich antworten sollte, weil ich es überhaupt nicht mehr gewohnt bin, so eine Frage gestellt zu bekommen. Und gleichzeitig hat es soooo gutgetan, diese Frage zu hören!
Das hat mich zu diesem Thema gebracht, das schon lange in mir arbeitet: Verlernen wir gerade, gute Gespräche zu führen, in denen wir auf unser Gegenüber eingehen und ehrlich an ihm interessiert sind? Woran liegt das eigentlich? Was sagt die Wissenschaft zu "Gesprächs-Narzissmus"? Und wie kann es mir und dir gelingen, bessere Gespräche zu führen?
Wer fragt wirklich, wie es dir geht?
Wann hat dich das letzte Mal jemand ehrlich gefragt, wie es dir geht? Oder wollte wissen: „Was gibt es bei dir Neues? Was treibt dich um?“ Und wie oft kommt es vor, dass du diese Fragen gestellt bekommst – selbst von Freund:innen oder Familienmitgliedern?
Wenn es dir so geht wie mir, dann passiert das nicht (mehr?) allzu oft. Und ich frage mich, woran das wohl liegt und ob das ein allgemeines Phänomen ist oder ob das eine individuelle Erfahrung ist. Auch deshalb schreibe ich diesen Text: als offenen Denkraum und mit dem Wunsch, mich einer Antwort zumindest zu nähern (zum Beispiel, weil du mir deine Erfahrungen dazu schilderst).
Also, ich brauche nicht mal eine Hand, um die Menschen zu zählen, die regelmäßig an mir und meinem Leben interessiert zu sein scheinen. Die fragen „Wie geht’s dir?“ und zwar nicht als Floskel, die wissen möchten, was es in meinem Leben Neues gibt oder was mich beschäftigt.
Was ich stattdessen erlebe, sind Menschen, die in erster Linie um sich selbst kreisen. Manchmal habe ich den Eindruck, einige haben nur auf das Gespräch mit mir gewartet, um endlich mal all das loszuwerden, was sie gerade alles im Kopf haben. Da frage ich mich, ob ihnen gar nicht auffällt, wie einseitig das Gespräch ist (oder ob sie das sogar bewusst in Kauf nehmen).
Wenn Gespräche zu Einbahnstraßen werden
Neulich habe ich mich mit einer Bekannten getroffen und direkt zu Beginn erwähnt, dass ich gestresst und nicht gut drauf bin. Das Ergebnis? Am Ende meinte sie zu mir: „Ach nein, jetzt ging es die ganze Zeit wieder nur um mich.“ Ja. Schade. Zumal ich doch die Tür für ein ausgeglicheneres Gespräch aufgemacht habe. In dem Fall gestehe ich meinem Gegenüber zu:
Sie hat die Schieflage offensichtlich bemerkt. Dann ist die Frage umso spannender, warum sie es so hat laufen lassen.
Mein Anteil an der Dynamik
Ich weiß, dass ich persönlich Voraussetzungen mitbringe, die diese Dynamik einfacher machen: Ich höre gerne zu. Ich stelle gerne Fragen. Ich liebe es, mit anderen ihre Themen von unterschiedlichsten Seiten zu beleuchten und meine Perspektive einzubringen. Das ist etwas, das viele meiner Freundinnen (und Kundinnen) schätzen, das weiß ich. Und: Mir fällt es leicht, anderen und ihren Themen Raum zu geben. Und mir fällt es unheimlich schwer, selbst aktiv Raum einzunehmen.
Gerade bei der Arbeit mit meinen Kundinnen sind das sehr hilfreiche Eigenschaften und da ist diese Dynamik ja auch genau richtig. In vielen anderen Bereichen ist sie dagegen nicht nur gut.
Ich bin in der Regel nicht diejenige, die direkt mit der Tür ins Haus fällt und sagt „Du glaubst ja nicht, was mir passiert ist!“. Wenn wir uns sehen, wird meine erste Frage sein: „Wie geht’s dir?“ Und klar: Wer immer zuerst fragt, bekommt eben auch zuerst Antworten – und manchmal nur Antworten.
Das ist etwas, woran ich arbeiten kann und was ich üben darf: Raum einnehmen, meine eigenen Themen ansprechen, warten, ob mein Gegenüber mir eine Frage stellt, statt sie direkt selbst zu stellen.
Was all das mit Marketing zu tun hat
Übrigens ist das eine ganz ähnliche Herausforderung wie im Marketing (und vielleicht erkennst du dich darin wieder): Wenn wir anfangen, als Selbstständige sichtbarer zu werden, unsere Website veröffentlichen, bei Instagram posten oder einen Newsletter schreiben, nehmen wir ebenfalls Raum ein. Und das scheint für viele von uns gegen die eigene Prägung zu gehen: sich selbst zurücknehmen, sich nicht so wichtig nehmen … Gleichzeitig frage ich mich in genau dem Moment, in dem ich das hier schreibe: Wenn wir uns selbst nicht wichtig nehmen – wer soll’s denn dann machen?
Umgekehrt ist es eine so wertvolle Eigenschaft, gut zuhören zu können und sich für sein Gegenüber zu interessieren – und zwar auch fürs Marketing: Wie könnten wir jemals unsere Zielgruppe, ihre Probleme, Wünsche und Bedürfnisse verstehen und ansatzweise erfolgreiches Marketing machen, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns auf unser Gegenüber einzulassen und interessierte Fragen zu stellen?
Warum wir so wenig fragen
Mein Eindruck ist, dass das nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Thema ist, denn ich höre von anderen Ähnliches. Viele von uns scheinen so sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein und sich nur noch um sich und ihre eigenen, vielen Themen und Probleme zu drehen, dass sie selbst im Freundeskreis oder in Beziehungen vergessen, dass es da noch jemand anderen gibt, der oder die auch Themen und Bedürfnisse hat.
Der Soziologe Charles Derber hat den Begriff des Gesprächs-Narzissmus geprägt („conversational narcissism“) und die „Support-Response“ von einer „Shift-Response“ unterschieden. Ich mach’s an einem Beispiel deutlich, dann weißt du sofort, was ich meine. Nehmen wir die Aussage „Ich bin gestresst.“: Eine Support-Response könnte sein „Oh, das ist ja nicht so schön. Kannst du sagen, woran das liegt?“. Eine Shift-Response wäre „Ah ja, das kenne ich. Ich hatte heute auch wieder Probleme mit einer Kundin …“. (Wenn du mehr zum Thema Gesprächs-Narzissmus lesen willst, lies hier einen Artikel dazu.)
Mittlerweile wissen wir auch, dass es für uns Menschen selbstbelohnend ist, wenn wir über uns selbst sprechen. (Forschung von Diana I. Tamir und Jason P. Mitchell. Lies mehr dazu hier in der National Library of Medicine.)
Lass uns wieder mehr Fragen stellen!
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Gespräch ist ja nie gleichmäßig verteilt, egal ob Zwiegespräch oder Gruppe – und gerade in der Gruppe muss jede:r noch mal mehr darum „kämpfen“, Raum zu bekommen. Aber Kommunikation sollte doch nicht dauerhaft so eine Schieflage haben, oder?! Wann haben wir verlernt, uns für das Leben der anderen zu interessieren?
Auf keinen Fall erwarte ich, dass mein gesamtes Umfeld meine Termine im Kopf hat und mich fragt, wie der Vortrag gelaufen ist oder wie viele Leute beim Workshop mit dabei waren. Es reicht völlig zu fragen „Wie geht’s dir?“ oder „Was beschäftigt dich gerade?“.
Übrigens hat eine Harvard-Studie gezeigt, dass wir Menschen, die mehr Nachfragen stellen, als sympathischer wahrnehmen. Ähnliches habe ich neulich in einer Podcast-Folge von Mel Robbins gehört, in der es darum ging, ein interessanterer Gesprächspartner zu sein. Auch hier war der Tipp: Mehr Fragen stellen.
Was ich mir vornehme
All das zu wissen, bringt mich ja nicht raus aus meinem Dilemma: Ich ganz persönlich wünsche mir mehr Verbundenheit mit den Menschen in meinem Umfeld und dazu gehört auch, dass sie besser darüber Bescheid wissen, wie es mir – wirklich – geht und was mich beschäftigt.
Gleichzeitig möchte ich aktiv etwas dafür tun, die Kommunikation in meinem Alltag zu verbessern: lernen, Raum einzunehmen (Urks) und einfach mal was von mir erzählen, auch wenn gerade niemand danach gefragt hat (gruselig!). Ein absoluter Endgegner-Schritt könnte sein, Menschen, die zu Gesprächs-Narzissmus neigen, sanft darauf hinzuweisen: „Warte, ich war gerade noch bei meiner Geschichte.“
Und du?
Jetzt bin ich gespannt: Hast du so ein Ungleichgewicht in Gesprächen auch schon erlebt (in welche Richtung auch immer)? Wie bist du bisher damit umgegangen? Und was nimmst du dir vor?
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Hi, ich bin Steffi

Ich begleite selbstständige Beraterinnen und Coaches dabei, ihr Marketing strategischer, passender und effektiver zu gestalten - ohne sich zu verbiegen oder ständig sichtbar sein zu müssen.
Im Kern geht es dabei immer um dasselbe: um Haltung, Sprache und eine Positionierung, die wirklich sitzt.
Wenn du Marketing nicht als Hamsterrad, sondern als bewussten Prozess verstehst, könnten wir gut zusammenpassen.










